Die Faszien sind ein in der Vergangenheit wenig beachteter Bestandteil unseres Körpers. Sie sind allgegenwärtig und umhüllen und durchdringen jeden Knochen, jeden Muskel, jede Sehne und jedes unserer inneren Organe. Deutlich sichtbar ist sie an den Muskeln, die sie als zarte, elastische und trotzdem sehr stabile weiße Hülle umschließen. Aber der Muskel ist ebenso wie alle anderen Bestandteile des menschlichen Körpers auch von Faszien durchzogen. In den Fokus der Schulmedizin konnte die Faszie über lange Zeit nicht geraten, da die Anatomie bis vor nicht allzu langer Zeit die Bedeutung der Faszien nicht erkannt hat und die „störenden“ Hüllen bei der Präparation des menschlichen Körpers schlichtweg entfernt wurden.

Dabei erfüllen die Faszien mannigfaltige Funktionen in unserem Körper: Einerseits verleihen sie ihm innere Struktur, grenzen Muskeln und Organe voneinander ab und halten so alles an seinem Platz. Anderseits ermöglichen sie das freie Gleiten von Strukturen gegeneinander. Die Faszien sind von Nervenzellen durchzogen und tragen verschiedene Rezeptoren in sich. Zum einen sind diese für unseren Stellungssinn, die Propriozeption, notwendig. Diese Rezeptoren ermöglichen uns das Körpergefühl, das uns mitteilt, in welcher Position sich ein Gelenk befindet, ohne dass wir es dazu betrachten müssen. Zum anderen beinhalten die Faszien Schmerzrezeptoren. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Faszien einer ständigen Veränderung unterworfen sind, die auch durch Nervenreizungen beeinflusst wird.

Kommt es zu Störungen (Distorsionen) in diesem wichtigen Gewebe, sind vielfältige Beeinträchtigungen die Folge: Verklebte Faszien verhindern die wichtigen Gleit- und Verschiebevorgänge in unserem Körper. Flüssige Bewegungen werden so behindert und falsche Bewegungsmuster begünstigt. Verschiedene äußere Einflüsse können zu einer höheren Faszienspannung führen. So erhöht Stress offenbar die Faszienspannung. Sogar Haltungsveränderungen sind durch diese Mechanismen möglich. Die Schmerzrezeptoren werden durch die Verklebungen oft massiv gereizt, durch Ausgleichbewegungen und veränderte Haltung werden andere Körperstrukturen vermehrt und unnatürlich belastet, woraus auch Schmerzen und im Endeffekt neue Verklebungen resultieren.

Die durch Fasziendistorsionen hervorgerufenen Störungen des Stellungssinns führen zu Störungen der Gelenkfunktion. Ein flüssiger Bewegungsablauf wird behindert. Schmerzen und Bewegungsunsicherheit sind die Folge.

Oft sind die beklagten Beschwerden von „Muskelverspannungen“ in Wahrheit Faszienfunktionsstörungen, die z.T. auch erhebliche Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit und Stimmung der Betroffenen haben.

Das Fasziendistorsionsmodell (FDM) nach Steven Typaldos wurde von dem gleichnamigen amerikanischen Arzt (*25.März 1957 †5.April 2006) entwickelt. Hierbei bedient man sich einerseits der Schmerzschilderung und Körpersprache des Patienten um die zugrundeliegende Distorsion (Verklebung, Verdrehung, Verzerrung des Gewebes) zu erkennen. Andererseits werden spezielle Tests und schmerzauslösende Alltagsbewegungen durchgeführt. Ist die Ursache für die Beschwerden gefunden, erfolgt in der Regel eine manuelle Behandlung mit dem Ziel, die Störung zu beseitigen und die Funktion wieder herzustellen.

Ergänzend zu den Therapiemaßnahmen im Rahmen des Typaldos-Modells kann auch eine Stoßwellenbehandlung als einzige oder ergänzende Maßnahme sinnvoll sein. Durch die Anwendung von Neuraltherapie oder Akupunktur kann man den Behandlungserfolg oftmals beschleunigen oder verbessern.

Faszienbehandlungen können auch im Rahmen gravierender orthopädischer Krankheitsbilder wie Bandscheibenvorfällen – mit oder ohne Lähmungen oder Gefühlsstörungen – als Ergänzung zu schulmedizinischen Maßnahmen zur Anwendung kommen. Ein weiterer typischer Anwendungsbereich können Bewegungs- und Belastungsstörungen nach der Implantation von Endoprothesen („künstlichen Gelenken“) sein. Hierbei kommt es im Heilverlauf nicht selten zu unerwünschten Verklebungen der Faszien.

Ziel der Behandlung ist es, eine für den Patienten normale Belastbarkeit und Beweglichkeit zu erreichen. Eine verbesserte Bewegungssicherheit und Koordination reduzieren die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Verletzungen und Überlastungen. Die Beseitigung der zum Teil schon seit langem bestehenden Schmerzen verbessern insgesamt das Wohlbefinden und haben somit auch Auswirkung auf die Stimmung und das Lebensgefühl.

Die Faszienbehandlung erfordert keinerlei Ruhigstellung oder Schonung des Körpers. Ganz im Gegenteil können selbst durchzuführende Bewegungsübungen oder Behandlungsmaßnahmen neben der natürlichen Bewegung den Behandlungserfolg sicherstellen. Ein einmal erreichter Erfolg ist bei anschließender ausgewogener Bewegung und Belastung oft von nachhaltiger Dauer.